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Çiğdem Aky

Çiğdem Aky erforscht in ihrer gestischen Malerei die Beziehung zwischen Kolorit (dessen Bedeutung und Metapher) und Geste (dem Körperlichen, der Berührung). Ihre Formensprache besteht aus zwei Elementen, die sich konsequent durch ihre Werkgruppen ziehen: Eine vertikal ausgerichtete rechteckige Fläche steht pfeilerartig im Zentrum und ist von geschwungenen Farbflächen umrahmt. Mit der Nass-in-Nass-Technik lagert die Malerin gestisch Farbflächen übereinander. Schwerpunkt ihrer Farbstudien ist die Suche nach der Autonomie und Wirkung der Farbe, welche sich vom Objekt vollständig losgelöst hat, und ihrer transzendentalen Qualität. Wirkt es beim Betrachten ihrer Werkserien auf den ersten Blick so, als würde man durchweg dem gleichen Bild gegenüberstehen, schafft die Künstlerin doch mit jeder Studie eine neue und beispiellose Seherfahrung.

Die Malerin wählt ihre Farben intuitiv aus, inspiriert von alltäglichen Eindrücken – einer Landschaft, einem Bild oder den Lichtverhältnissen zu einer bestimmten Tageszeit. Dabei konzentriert sie sich auf die Abbildung ihrer Sinneseindrücke und entwickelt die Farbigkeit weiter, welche sich von der Figur oder dem Gegenstand als Quelle vollkommen abgelöst hat. Ihre Werkgruppen entstehen alle durch den fließenden Übergang verschiedener Acryl- und Ölfarben, die die Künstlerin übereinanderlegt und anschließend gestisch mit dem Pinsel übermalt. Dabei leitet ein Farbton instinktiv den nächsten ein.

Ein kompositorisches Charakteristikum ist ein wiederkehrendes, ins Zentrum jedes Bildes gesetztes farbiges Rechteck, welches sie vorab sorgfältig abklebt, bevor sie die Farben mit einem breiten Pinsel aufträgt und anschließend vermengt.
Die geometrische Form wird in einem zweiten Schritt von breiten, vitalen Farbflächen, an den äußeren Bereichen umrahmt, die das Zentrum zu den Seiten öffnen. Häufig wird das Zentrum noch durch einen schmalen Rand von den Flächen an der Peripherie des Bildes abgegrenzt, welcher die Leuchtkraft der Farben verstärkt. Diese Farbstudien sind für die Malerin zentrale Parameter ihres Gesamtwerkes: durch die Vermischung der nassen Farben fängt sie deren Metamorphose ein.

Die Ablösung der Farbe vom Gegenstand findet sich aus kunsthistorischer Sicht vor allem ausgehend vom 19. Jahrhundert in Werken der Impressionisten sowie im 20. Jahrhundert im Fauvismus und der Farbflächenmalerei der abstrakten Expressionisten. Wie die Malerinnen Joan Mitchell und Helen Frankenthaler, denen der Übergang von der Malerei des Abstrakten Expressionismus zur Farbfeldmalerei gelang, es bereits gezeigt haben, können alle Farbphänomene und Impressionen sowie Geisteszustände in ihrer individuellen Atmosphäre mit der Autonomie der farblichen Abstraktion festgehalten werden. Die Figur ist dafür nicht länger notwendig. Auch Çiğdem Aky hat sich von der Ablenkung durch das Figürliche vollständig befreit, da für sie die Figur ohnehin lediglich die Funktion eines Gefäßes innehatte. Die Malerin konzentriert sich auf die Entfaltung der Essenz der Malerei: die Farbe und ihre fast schon unendlich wirkenden Kombinationen und Weiterentwicklungen. Das Malen wird konsequent als Geste wiederholt, die sie – mal verspielt oder konzentriert, mal in matter oder in glänzender Oberfläche – Bild um Bild variiert und mit Planbarkeit und Zufall jongliert.

Die Werkgruppe „Miami Calling“ (2018 bis 2021) spiegelt die gewonnenen visuellen Impressionen in der Stadtlandschaft Miamis wieder, welche die Malerin auf einen unbearbeiteten Bildträger aus Baumwolle aufgetragen hat. Jedes der Werke aus der Serie steht im direkten Austausch, die gewählten leuchtenden Farben reflektieren sich gegenseitig. Dicht und fein vermengt die Künstlerin das Kolorit und schafft fließende Übergänge zwischen warmen und kalten Farben. Die äußeren Flächen werden mit Weiß und Grauwerten vermischt. Dadurch erzeugt sie einen Effekt, der die Leuchtkraft der zentrierten Fläche im Kontrast zur nun milderen Farbgebung der Bildperipherie vergrößert. Titel wie „Autokino“ (2021), „A beautiful Day“ (2021) oder „Duft des Meeres“ (2021) lassen die Quelle für die Gefühle nur erahnen, die die Malerin assoziativ mit Farben äußert. Der dramatische Verlauf der Farben, welcher durch dichte Pinselstriche und glatten Farbübergänge im Zentrum des Bildes erzeugt wird, variiert von Schwarz zu leuchtendem Rot oder einem exzentrischen Grün zu starkem Blau. Durch die Nuancen in Pastelltönen wird die Leuchtkraft des Bildes intensiviert.
Das Rechteck in der Mitte zieht den Blick durch die dynamischen Farbflächen automatisch auf sich und gibt die Blickrichtung vor: von oben nach unten. Dabei entsteht ein Effekt der Räumlichkeit, der die Illusion eines Ein- oder Ausblicks vermittelt. Daneben zeichnet sich, durch das Aufschichten der Farben und die glänzende Oberflächenstruktur eine Bewegung ab. An den Farbflächen und -verläufen lässt sich der Gestus der Malerin erschließen: langsam, kontrolliert und geschwungen.

Als reduzierte und grafische Variation kann die Serie „Metamorphosen“ (2018-2020) angesehen werden. Die Komposition baut sich aus zum Teil ineinander verflochtenen geometrischen Strukturen in leuchtender Farbigkeit auf. Diese sind charakteristisch um ein Rechteck im Zentrum angeordnet. Neben dem statischen Rechteck in der Bildmitte, welches die Malerin nun in Länge und Breite variiert, hat sie die Flächen der einzelnen geometrischen Formen mit einer feinen Linie voneinander abgetrennt. Dabei definiert ein Farbton der einzelnen geometrischen Formen den nächsten, aufgetragen mit dem Pinsel in dichten Schichten. Der Eindruck wird erzeugt, als seien es Grafiken, welche am Computer ausgemalt wurden. Ferner vermitteln die einzelnen Farbtöne, die Aky über ihre Kontraste und Harmonien wirken lässt, eine Struktur und Tiefe. Alle Arbeiten dieser Werkgruppe tragen den Titel „Neuordnung“ und unterstreichen das Unterfangen der Malerin neugierig und visionär nach einer neuen Struktur zu suchen, in der Farbe und Formsprache miteinander harmonieren, autonom, kontrastreich und doch gemeinsam.

Çiğdem Aky (*1989 in München) lebt und arbeitet in München. Sie studierte Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste München und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. 2017 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin bei Prof. Dorner ab. Nach Anfängen in gegenständlicher Malerei (Porträts, Interieurs, Landschaften), widmet sich die junge Malerin seit 2013 vollständig der abstrakten Malerei.

Ausgewählte Werke

Fleisch Saison
Fleisch Saison, 2022
Sonnenberge
Sonnenberge, 2022
April
April, 2022
Warten auf Blau
Warten auf Blau, 2022
Vollgas
Vollgas, 2022
Ein Zirkus
Ein Zirkus, 2022
Abenddämmerung
Abenddämmerung, 2022
Durchlüftungszeit
Durchlüftungszeit, 2022
Tropikal
Tropikal, 2022
Eines Abends
Eines Abends, 2022
Äpfel und Birnen
Äpfel und Birnen, 2022
Auf und Ab
Auf und Ab, 2022
Masal Perisi
Masal Perisi, 2021
Dark Times
Dark Times, 2021
Smog
Smog, 2021

Ausstellungen

Rhythmus
Rhythmus
05.11. - 28.01.2023
Myriam Holme, Cigdem Aky, Henrik Eiben, Sophie Bouvier Ausländer
Myriam Holme, Cigdem Aky, Henrik Eiben, Sophie Bouvier Ausländer
06.11. - 30.01.2021
Myriam Holme, Çiğdem Aky, Henrik Eiben, Sophie Bouvier Ausländer

Editionen

Komplementär 1-4
Komplementär 1-4, 2022

Aktuelles

Niddastraße Sunday
Niddastraße Sunday
04.12. - 18.12.2022
Ohne Titel. Junge Malerei aus Süddeutschland und der Deutschschweiz
Ohne Titel. Junge Malerei aus Süddeutschland und der Deutschschweiz
04.12. - 16.04.2023
December Walks
December Walks
02.12. - 03.12.2022
POSITIONS Berlin Art Fair
POSITIONS Berlin Art Fair
15.09. - 18.09.2022
Çiğdem Aky, Myriam Holme, Mark Francis, Robert Zandvliet
Im Schatten der Bäume
Im Schatten der Bäume
01.07. - 23.10.2022
HAP-Grieshaber-Stipendium
HAP-Grieshaber-Stipendium
01.10. - 27.08.2022
Auf Wolke sieben
Auf Wolke sieben
16.06. - 18.08.2021
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