EN
Radically Constructive
Margret Eicher, Florian Merkel
Radically Constructive
19.09. - 18.11.2006
Einführung: Dr. Ingrid Pfeiffer, Schirn Kunsthalle, Frankfurt

Der Titel dieser zweiteiligen Ausstellung „Radical Constructive“ beschreibt zwei Positionen, die in ihrer Arbeit die Welt als Konstruktion oder Konstrukt begreifen, als Schein, wenn man so will, als etwas durch und durch Fiktives, vielleicht sogar komplett Virtuelles.
Zu Margret Eichers bekanntesten Werken gehören ihre großen gewebten Gobelins bzw. digitalen Tapisserien als Bildträger für eine Art moderne Collage: In „Fauna und die Gaukler“ von 2003 posieren junge Frauen in Pelzmänteln auf der Treppe wie auf einer Bühne. Luxus und Überfluss ist das durchgängige Thema in diesem Verwirrspiel aus Werbung, Lifestyle und Kunstgeschichte: Von dem theaterhaft drappierten roten Stoff über die üppige historische Bordüre bis hin zu den Gauklern und Tieren im Vordergrund handelt das Werk von Pracht und Exotik in Gegenwart und Vergangenheit. Papageien und Tiger (übrigens stammt dieser ursprünglich aus einem Gemälde von Peter Paul Rubens) waren beliebt an Fürstenhöfen und bei Vorführungen auf dem Jahrmarkt.
Doch „nothing is real“ ist Margret Eichers Motto und wie immer in ihren Arbeiten sind auch hier die zusammengeführten Bildwelten voller Brüche und Irritationen. Gegenwart und Historie, Reales und Erfundenes, Museen und Hochglanzmagazine, also high und low vermischen sich untrennbar zu einer komplexen Ganzheit aus medial verfügbaren Bildern. Diese werden dank ihrer digitalen Bearbeitung ohne jede Hierarchie und ohne Wertung auf einer Ebene zusammengeführt, um sich gegenseitig zu steigern oder sogar komplett zu durchdringen.
Manche Kritiker haben in diesem Zusammenhang bereits den Kulturtheoretiker Jean Baudrillard zitiert, der in seinem Buch „Simulation und Verführung“ bereits 1994 das Zeitalter der Simulation beschworen hat. Er ist (kurz gesagt) der Meinung, dass durch die Bilderflut der Medien heute sowohl Reales als auch Imaginäres letztendlich zu etwas Virtuellem werden. Die allgegenwärtigen Bilder seien so dominant und prägten uns so stark, sagt der pessimistische Kulturtheoretiker, dass die Realität droht, ganz hinter den Bildern zu verschwinden.
Doch ganz so kulturkritisch geht Margret Eicher nicht vor – eher spielerisch-ironisch, wenn auch der Kern ihrer Arbeit als analytisch und durchaus konzeptuell beschrieben werden kann. Da ist einerseits die Tradition des Pop, der Einfluss der Massenkultur, das Serielle und Stereotype, das in ihren Arbeiten durch Kontrast und Übersteigerung demaskiert wird. Umgekehrt machen die Arbeiten aber auch deutlich, wie sehr die Werbung wiederum auf die Kunstgeschichte zurückgreift. So ist Eicher der Meinung, die Werbung sei heute wie die Malerei früher ein ernst zu nehmender Kommentar zu unserer Gesellschaft. Sie sagt sogar, dass Plakatsäulen und großformatige Werbeflächen für sie wie eine Art zeitgenössisches Freiluft-Museum funktionieren (ein schöner Gedanke!).
Doch während noch in der Klassischen Moderne der Unterschied zwischen Kritik und Anpassung für die Bedeutung der Kunst entscheidend war (Kunst musste per se gesellschaftskritisch sein, sonst fehlte ihr die Berechtigung), gehen Künstler in der Postmoderne heute weitaus subtiler und vermittelter vor. Wir als Betrachter sind mehr denn je gefordert, uns selber unseren Reim auf all die gegensätzlichen und irritierenden Informationen zu machen, die verschiedenen Ebenen zu erkennen und auf die Details zu achten, denn jedes Kunstwerk erschließt sich nicht zuletzt über das Material, seine Oberflächenstruktur und vor allem über die Art der Präsentation.
Dieser Punkt ist bei Eichers gewebten Gobelins entscheidend: In den digitalen Tapisserien verbindet sich das extrem Flüchtige und Virtuelle – der Bilderfundus im Computer – mit dem materiell höchst Beständigen: Wandteppiche hängen heute immer noch in vielen Schlössern, waren für die Dauer gemacht und haben auf diese Weise viele Jahrhunderte überstanden. So ist der Künstlerin die handwerkliche Präzision und eine eher gedämpfte Farbigkeit bei ihren großformatigen Medien-Montagen extrem wichtig (sie lässt sie in Belgien weben, wo es immer noch die besten Hersteller dafür gibt). So prallen Handwerk und digitales Zeitalter, Stoffstruktur und Werbebanner als Versatzstücke verschiedener „Welten“ produktiv aufeinander.
Übrigens wurden die Raum hohen historischen Gobelins nicht wie „Bilder“, sondern eher wie Bildtapeten oder Wandbehänge eingesetzt – deshalb ist die wandfüllende Präsentation hier geradezu perfekt. Die Kissen, bedruckt mit der gleichen Bildserie, sind etwas ganz Neues und eine gute Möglichkeit, sich die Gobelins im kleineren Format ins Haus zu holen (sie sind auch sehr bequem!).
Auch in ihren neuen Arbeiten, den digitalen Aquarellen, ist die Künstlerin ihrem Konzept völlig treu geblieben und hat die notwendige Technik dafür selbst entwickelt: Wie zuvor bei den Tapisserien trifft eine scheinbar traditionelle Technik auf eine ultramoderne, die zarte romantische Anmutung von scheinbar verlaufenden Wasserfarben ist in Wirklichkeit eine kühle Computergrafik. Erst durch die Wahl der Motive wird aber der Bruch perfekt: Ob Catwoman, Bezaubernde Jeannie oder Superman, es sind Ikonen der Populärkultur, die hier ihre scharfen und künstlichen Konturen gegen sanfte Ton-in-Ton-Kompositionen eingetauscht haben. Wie immer entsteht eine Dissonanz und ein gelungener Kontrast zwischen Bildassoziation und Medium – und die Grafik-Rahmen um jeden signierten Print herum tragen noch weiter zur Irritation bei.
Dazu kommt die neue Desaster Serie, in der sich der Kontrast zwischen Motiv und Medium noch verschärft: Eichers digitale Aquarelle sind eine Hommage an Andy Warhols Desaster Series von 1962 mit Katastrophen wie abgestürzten Flugzeugen, deren Trümmer wie Skelette in den Himmel ragen, Bildern von Selbstmördern, die aus Hochhäusern in den Tod springen, einem eingequetschten Schuh, der unter einem Lastwagen hervorragt, verunglückten Personenwagen mit heraushängenden Leichen und anderen Opfern des modernen Lebens. Doch die aquarellierten Desaster, die wir hier sehen, sind subtiler, sie kommen weitaus verhaltener daher, sind manchmal beinahe abstrakt, immer vieldeutig und weit weniger direkt gesellschaftskritisch als es Warhol mit seinen drastischen Siebdrucken beabsichtigte. Heute handelt die Kunst häufig von der Kunst, und hier von einer, die wiederum von Medienbildern handelte, welche angeblich Realität abgebildet hatten – und auch das war bereits zu Warhols Zeiten die Frage. Die Frage nach Realität, Fiktion und Imagination bleibt wieder einmal offen, die Doppelbödigkeit macht den Reiz aus, und der Ball wird zu uns, zum Betrachter, zurückgespielt.
Während Margret Eicher fertige und gefundene Bilder benutzt und weiterverarbeitet, stellt Florian Merkel seine Bildvorlagen und Motive selbst her. Er fotografiert Menschen in alltäglichen Posen und zeichnet anschließend die Konturen seiner ausgewählten Figuren im Computer nach. Die so entstandenen linearen Körper werden in den neueren Arbeiten meist farbig gefasst. Mit der Farbe werden Akzente innerhalb und außerhalb der Figuren gesetzt, manchmal lässt die Gestaltung der Flächen und des Hintergrundes einen Farbraum oder sogar eine eigene Bildarchitektur entstehen.
Die Protagonisten dieser Gruppenbilder sind immer dieselben: der nackte ältere Mann, die junge blauäugige Frau mit dem hochgesteckten dunklen Haar, der junge Mann mit braunem Haar, die blonde kurzhaarige Frau und andere. Ein roter Ball kommt oft vor, aber auch Werkzeuge wie eine Axt, ein Brett oder eine Schaufel. So klar die Konturen, so deutlich die Gesten, so leuchtend die Farben auch sind – eigenartigerweise hilft es der Wahrnehmung nicht, dass alles höchst genau und präzise gezeichnet und koloriert ist. Das Auge irrt hin und her zwischen den Figuren und kann das ganze Bild nur schwer erfassen: Perspektiven sind verschoben, narrative oder kausale Zusammenhänge scheinen zu fehlen oder erschließen sich nicht (dabei heisst die Serie sogar Kausaler Aufbruch).
Die Figuren nehmen Posen ein, agieren zu- und gegeneinander, jedoch ohne jede erkennbare narrative Struktur: Es werden keine Bilder-Geschichten erzählt, jeder steht im Grunde für sich, auch wenn es Szenen der Interaktion gibt. Doch auch wenn die Figuren sich scheinbar berühren, treffen sie sich nicht wirklich. Das liegt vor allem an ihrem Blick, denn jeder schaut woanders hin, ist Teil eines Körper-Gewebes aber nicht Teil eines kommunikativen Handelns. Wie bei Gullivers Reisen sind manche Figuren groß wie Riesen und manche klein wie Zwerge, alltäglich und heldenhaft, zeitgenössisch und zeitlos zugleich. Es sind aber auch melancholische Helden, und es scheint mir kein Zufall zu sein, dass Florian Merkel einen Text über die Romantik verfasst und sich mit Philipp Otto Runge beschäftigt hat: In einem seiner Bilder sitzt ein junger Mann auf dem roten Ball und spielt auf der Laute. Versonnen blickt er in die Luft, er träumt. Die Figuren sind auch sehr ernst, der Grundton der Arbeiten ist eine tiefe Melancholie – zumindest kommt mir das so vor. Auch mit Parallel- oder Traumwelten mit ihrer eigenen, ganz anderen Logik sind Merkels Bilder bereits einmal verglichen worden.
Man kann die Bilder aber auch anders lesen, denn durch das Kolorieren bestimmter Teile oder das umgekehrte Weiß-Lassen der Körper entstehen abstrakte Körper-Landschaften, wie bei den Armen des Mädchens auf diesem eindrucksvollen Bild, in dem das schmale Format das Motiv noch weiter steigert.
Fotografie, Zeichnung und Malerei gehen in Florian Merkels Arbeiten eine digitale Symbiose ein, welche alle Medien und Bildvorlagen ähnlich verfügbar und damit relativ erscheinen lässt, wie dies schon bei Margret Eicher der Fall war. Es war eine gute Idee, diese beiden Künstler und ihre Arbeiten hier miteinander zu kombinieren: Die glatten kühlen Oberflächen der Ilfochrom-Prints hinter Plexiglas lassen die Farben leuchten und bilden materielle Antipoden zu der gewebten und strukturierten Tapisserieoberfläche. Auch Florian Merkel thematisiert die Künstlichkeit der Kunst, ohne ihre Vergangenheit auszublenden. Es sind intelligente Kommentare zu den aktuellen technischen Möglichkeiten, eben ganz auf der Höhe unserer Zeit und auch unseres medialen Bewusstseins. Was ihnen (beiden künstlerischen Konzepten) eigen bleibt, ist das unverzichtbare Gespür für Komposition, aber auch für Psychologie. Viele Ebenen der Reflektion sind angesprochen und trotzdem lassen sie sich auch einfach nur genießen.
xs
sm
md
lg
xl
Cookies

Durch die Nutzung dieser Website akzeptieren Sie automatisch, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

footerSpm