In / Finite

02.05.2006 - 08.07.2006


Einführung: Susanne Pfeffer, Künstlerhaus Bremen

Die Arbeiten des koreanischen Künstlers Kyungwoo Chun sind außergewöhnlich und keine Fotografien im klassischen Sinne. Einflüsse ostasiatischer Ästhetik sowie die Tradition der Porträtfotografie spiegeln sich in seinem Werk wider.
Im Koreanischen bedeutet Fotografie „Abbildung der Seele“, eine Idee, die die Einheit von Körper und Seele betont. Mit dieser Vorstellung setzt sich der Künstler in seinen Fotografien, Videos und Video-Performances auseinander. Für seine Einzel- und Gruppenporträts verwendet Kyungwoo Chun extrem lange Belichtungszeiten, die von mehreren Minuten bis hin zu Stunden andauern können. Bei diesem Prozess bildet er keine konkreten Gesichtszüge ab, sondern nähert sich der Persönlichkeit der Porträtierten in einem Dialog an. Die Empathie des Künstlers zu der Person vor der Kamera fließt als wesentliches Element in die Summe der Begegnung mit ein. Die Porträtierten treten mit weichen Gesichtern schemenhaft aus einer sepiabraunen Raumtiefe hervor und scheinen gleich wieder darin einzutauchen.
In der neuen Werkgruppe „In/finite“ steht der Betrachter dem Dargestellten nicht mehr in frontaler Ansicht gegenüber, sondern in höchst ungewohnter Perspektive: der Blick fällt auf den Oberkopf einer liegenden Person, deren Körper sich in einen milchig weißen, von Licht erfüllten Raum erstreckt.
Die neuen Arbeiten sind während einer Belichtungszeit von einer Stunde entstanden, in der die Personen von ihrer eigenen Mutter erzählen. In dem Bildnis überlagern sich persönliche Gefühle und Inhalte aus den 60 Minuten Erzählungen. Zu der Ausstellung wird ein Bild mit der Wiedergabe des dazugehörenden Monologs zu einer audiovisuellen Installation zusammengeführt.
In den Bildnissen bleiben die Physiognomien unscharf und schweben in sich überlagernden Zeitzuständen zwischen konkreter Körperlichkeit und zunehmender Abstraktion. Kyungwoo Chun gelingt es, Nicht -Greifbares sichtbar zu machen und Bilder zu schaffen, die zur Kontemplation über Zeit, Raum und Mensch anregen.

„Mir geht es in der Fotografie nicht darum einen Gegenstand auszuwählen und zu zeigen. Die Fotografie ermöglicht es mir, eine sichtbare Manifestation dessen, was nicht sichtbar ist, hervorzubringen.“
Kyungwoo Chun