Friendly Patterns

08.09.2017 - 04.11.2017

Flo Maak
Sascha Pohle

Friendly Patterns ist die Fortsetzung einer Ausstellungsreihe von Flo Maak und Sascha Pohle, die 2016 in einem kleinen Ausstellungsraum in Seoul begann. Ausgangspunkt war die Umnutzung eines alten Marktes in einem aufstrebenden Viertel innerhalb eines städtischen Regenerierungsprojektes. „Friendly“ kann in diesem Zusammenhang je nach Perspektive als freundliche oder feindliche Übernahme urbaner Areale durch Künstler_innen und Kreative verstanden werden. Ausgehend von dieser ortsspezifischen und kritischen Auseinandersetzung öffnet die Ausstellung in der Galerie Bernhard Knauss in Frankfurt einen breiteren Themenkreis. In Kombination bestehender und neuer Werke der beiden Künstler fungieren Orte als Metapher für sich überlagernde Netzwerke und verwebte Lebenswege und als künstlerisches Arbeitsmaterial, das in eine abstrakte, formale Formensprache übersetzt Fragen nach gesellschaftlichem Zusammenleben, kollektiver Erinnerung, Identität und Originalität evoziert.

Pohles Ornaments of Property (2014 - fortlaufend) ist eine Skulptur bestehend aus Hunderten DVD und CD Computerlaufwerken - Überreste einer aussterbenden Erinnerungs- und Reproduktionstechnologie, die als Ziegelsteine für den Bau von fiktiven ruinenhaften Architekturfragmenten umfunktioniert werden und die je nach Raumsituation immer wieder anders installiert werden kann.

Maak zeigt unter dem Thomas Pynchon's gleichnamigen Buch entnommenen Titel Gravity's Rainbow eine Reihe von Fotografien, in der Senklote Assoziationen mit Flugobjekten hervorrufen. Im Gegensatz zur heutigen digitalen Raumvermessung erscheinen Senklote wie modernistische Objekte, die einerseits von der Faszination geprägt sind, aus der Erdatmosphäre auszutreten und die Schwerkraft zu überwinden, andererseits als Geschosse aber auch von der Zerstörungskraft moderner Raketentechnologie erzählen.

Pohles After the Gift - Blossfeldt’s Fan (2016) ist ein Videofilm, in dem Buchseiten von Fotografien Karl Blossfeldt’s mit gewebten Handfächern wedelnd umgeblättert werden. After the Gift - Blossfeldt’s Fan ist nicht nur ein mimetisches Spiel mit Formen, Farben und Mustern von Pflanzen und Fächer, aber auch ein Nachbild einer Geschenkperformance. In jener wurden die im Video verwendeten und aufwendig gesammelten Fächer an Ausstellungsbesucher verschenkt, die nun als Gabe in einem menschlicher Beziehungsgeflecht zwischen Künstler und Empfänger an verschieden Orten weiterleben.

Pohles Arbeit Passage (2016-). Für sie hat er vor Ort Asphalt und Betonböden, allesamt unscheinbare Elemente des öffentlichen Raumes fotografiert, digital auf drei Farbtönen reduziert und anschliessend in industriell gefertigte Wollstoffe stricken lassen. Die „gestrickten Fotografien“ übersetzen die Spuren des kollektiven Gebrauch urbaner Böden mit ihren Rissen, Unebenheiten und Reparaturmerkmalen in abstrakte Muster, die Ähnlichkeiten mit Netzen und Stadtplänen gewinnen. Als Zeitdokumente von etwas Mangelhaften, dass in Gentrifizierungsprozessen zu verschwinden droht, werden Stadtfragmente in Passage  als Ornament umgedeutet und beispielhaft als Kunst aufgewertet.

In Maaks fotografischer Serie von teilweise zerstörten Spinnennetzen wird hingegen die radikale Wandelbarkeit von Beziehungen und Lebensräumen betont. Maak hat im Herbst am Rande von Seoul farbige Papiere als Fotohintergrund verwendet, um die verbliebenen Spinnennetze und die noch lebenden schwarz-gelb gestreiften Spinnen zu fotografieren. Jene weben zumeist in Gemeinschaft im Frühsommer große dreidimensionale Netze zwischen Büschen und Bäumen, die sie ständig erweitern und täglich unermüdlich erneuern, bis die Spinnen bei zunehmender Kälte im Herbst sterben. Maak arrangiert die Serie als fragmentarisch fotografische Wandinstallation, die den Zyklus ständiger Veränderung als fragil und ergebnisoffen beschreibt.

Die Leichtigkeit der Fächer und Spinnennetze wird schließlich in einer dritten Gegenüberstellung von Arbeiten Maaks und Pohles wieder deutlich auf Architektur zurückbezogen.

Auch in Maaks Arbeiten gibt es deutliche Bezüge zur städtischen Raumorganisation, vor allem in der Arbeit Bird's Eye View (2016), die aus zwei identischen Fotografien in unterschiedlichen Formaten besteht. Von einer Gondel zu einem Zoo aus aufgenommen, werden in den Fotografien sich überlagernde, städtische Infrastrukturen sichtbar gemacht. Sie zeigen eine Strasse mit ausgebessertem Asphalt, Kanalisationsdeckeln und einer Wegmarkierung und über diese räumliche Situation ist wiederum ein Sicherheitsnetz gespannt, das mit einem Warnschild versehen auf eine begrenzte Durchfahrthöhe verweist. In Bird's Eye View dient das Motiv der  Verdopplung - zwei Fotografien und Raumebenen - als konzeptioneller Rahmen, der Fragen nach Skalierbarkeit, Perspektive und urbaner Planung aufwirft.

Beide Künstler haben zu unterschiedlichen Zeiten an der Städelschule studiert und sich später in Korea getroffen. Maak hat bis Anfang des Jahres in Seoul gelebt und dort Fotografie unterrichtet. Pohle lebt seit Anfang des Jahres in Südkorea und unterrichtet dort an der Chung-Ang Universität.

Artikel auf WSI Mag:
https://wsimag.com/art/32254-friendly-patterns